„Lebendiges 89“- ein „weißer Schimmel“?
Die Erinnerungen sind doch auf allen Kanälen präsent?! Unübersehbar ist der nationale Stolz über eine erstmals geglückte und friedliche demokratische Revolution in der deutschen Geschichte.
Öffentliches Gedenken und persönliches Erinnern passt sich gegenwärtigen Bedürfnissen an, ganz nach politischer Interessenlage und eigener biografischer Erfahrung – wie bei anderen historischen Ereignissen auch. So ist die Formulierung des Erbes der Friedlichen Revolution ganz im Fluss. Andere Gesichtspunkte als noch vor 10 Jahren rücken ins Blickfeld.
Noch überlagert der ständige Abgleich von Ost-West-Befindlichkeiten die Würdigung der Selbstbefreiung aus der Unmündigkeit. Der Streit um die „bessere deutsche Hälfte“ des ehemals geteilten Landes und um den Wert der jeweiligen Mitgift für die deutsche Einheit ist noch in vollem Gange.
Die Friedliche Revolution möchten wir dagegen als Akt der Selbstermächtigung zum politischen Handeln durch in Sachen Demokratie damals wenig geübter Akteure würdigen.
Die Erinnerung daran hat ganz gegenwärtige Gründe: Die Welt hat sich seit 1989 dramatisch verändert. Einstige Gewissheiten und Orientierungen stehen schon lange auf dem Prüfstand. Manche sind überholt.
Freiheit und Demokratie sind weder ein Idealzustand noch ein Naturgesetz der modernen westlichen Gesellschaften.
Sie sind durch Institutionen und Regeln des Rechtes formal herzustellen. Für ihre tatsächliche Realität müssen von Demokraten gelebt, gestaltet und auch verteidigt sein.
Der Umgang mit der Freiheit, ihre Herausforderungen und ihr Wert werden aber zu oft als belanglos oder lästig empfunden.
Zu viele ignorieren Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat als eine Selbstverständlichkeit. Andere möchten sie lieber in eine Sicherheit vor allen Risiken des Lebens getauscht wissen. Wieder andere haben von Freiheit eine vulgäre Vorstellung, von Gewinnmaximierung auf Kosten Dritter. Alles hat die gleiche fatale Folge: Gleichgültigkeit.
Das Erbe der Friedlichen Revolution muss gelebt und nicht in Sonntagsreden über Demokratie und Freiheit konserviert werden.
In der geschlossenen Gesellschaft DDR war es nahezu unmöglich, Reformen öffentlich zu diskutieren und auf den Weg zu bringen. Um Veränderungen bemühte Menschen standen vor der Frage, sich selber zum Handeln zu ermächtigen oder in Ohnmacht zu verharren. Viele sind den ersten Schritt gegangen. Darum geht es auch heute, auch wenn hierzulande nicht mehr das Erstreiten der grundlegenden Freiheiten und Rechte ansteht.
Die politischen Ziele der Bürgerrechtler, ihre Entwicklung zum politischen Programm und der friedliche Charakter der Revolution sind nicht vom Himmel gefallen. Sie waren das Ergebnis von Debatten und der Suche nach Veränderungsmöglichkeiten vieler Menschen bereits Jahre vor 1989. Diese Erfahrungen, dieses Erbe wird heute gebraucht.
Jede(r) heute demokratisch Engagierte weiß um die Mühen, Vorschläge für Problemlösungen Realität werden zu lassen. Es fällt schwer, sich in der Meinungsvielfalt und Informationsflut zu orientieren. Es kostet Anstrengung und Beharrungsvermögen, eine eigene Meinung zu vertreten und Mehrheiten zu organisieren.
Damals wie heute kommt es auf das Engagement von Einzelnen und deren Zusammenwirken an. Mut zum Denken in Alternativen und Courage beim unangepassten Handeln sind unverzichtbar. Sich politisch zu betätigen erfordert persönlichen Aufwand.Die Gestaltung der Zukunft darf nicht zur Expertensache verkommen. Die Delegierung der Macht durch Wahlen reicht für eine lebendige Demokratie nicht aus.
Foto: Bundespresseamt Bild 183-1989-1120-026 Friedich Gahlbeck
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Die Erinnerungen sind auf allen Kanälen präsent.
Der nationale Stolz über eine erstmals geglückte und friedliche demokratische Revolution in der deutschen Geschichte ist unübersehbar.
Öffentliches Gedenken und Erinnern passt sich gegenwärtigen Bedürfnissen an, je nach politischer Interessenlage und eigener biografischer Erfahrung – wie bei anderen historischen Ereignissen auch.
So erfährt das Erbe der Friedlichen Revolution 20 Jahre später Neuformulierungen; andere Gesichtspunkte als vor 10 Jahren rücken ins Bewusstsein.
Noch immer droht in mancher Debatte die Würdigung der Selbstbefreiung aus der Unmündigkeit hinter dem ständigen Abgleich von Ost-West–Befindlichkeiten zu verschwinden. Der Streit um die „bessere deutsche Hälfte“ des ehemals geteilten Landes und den Wert der jeweiligen Mitgift für die deutsche Einheit wird mit Vehemenz geführt.
Die eigenständige Leistung der Ostdeutschen, die Freiheit erstritten zu haben, gerät dabei aus dem Blick.
Die Friedliche Revolution möchten wir heute als Akt der Selbstermächtigung zum politischen Handeln durch in Sachen Demokratie damals wenig geübte Akteure würdigen.
Die Erinnerung daran hat ganz gegenwärtige Gründe:
Die Welt hat sich seit 1989 dramatisch verändert. Einstige Gewissheiten und Orientierungen stehen schon lange auf dem Prüfstand. Manche sind überholt.
Freiheit und Demokratie sind kein abstrakter Idealzustand, auch kein Naturgesetz. Sie sind nicht ein für alle Mal allein durch Institutionen und Regeln des Rechtes herzustellen. Sie müssen von Demokraten gelebt, gestaltet und auch verteidigt sein.
Der Umgang mit der Freiheit, ihre Herausforderungen wie ihr Wert werden zu oft als belanglos oder lästig empfunden.
Zu viele ignorieren Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat als eine gerade naturrechtliche Selbstverständlichkeit. Andere möchten Sie lieber in eine Sicherheit vor allen Widrigkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert getauscht wissen. Wieder andere haben von der Freiheit eine vulgäre Vorstellung der Gewinnmaximierung auf Kosten Dritter. Alles hat eine fatal Folge: Gleichgültigkeit.
In der geschlossenen Gesellschaft DDR war es nahezu unmöglich, Reformen öffentlich zu diskutieren und auf den Weg zu bringen. Um Veränderungen bemühte Menschen standen vor der Frage, sich selber zum Handeln zu ermächtigen oder in Ohnmacht zu verharren. Sie sind den ersten Schritt gegangen. Darum geht es auch heute, auch wenn hierzulande nicht mehr das Erstreiten der grundlegenden Freiheiten und Rechte ansteht.
Die politischen Ziele der Bürgerrechtler und ihre Entwicklung zum politischen Programm sowie der friedliche Charakter der Revolution sind nicht vom Himmel gefallen. Sie waren das Ergebnis von Debatten und der Suche nach Veränderungsmöglichkeiten vieler Menschen bereits Jahre vor 1989. Diese Erfahrungen, dieses Erbe wird heute gebraucht.
Jede(r) heute demokratisch Engagierte weiß um die Mühen, Vorschläge für Problemlösungen Realität werden zu lassen.
Es fällt schwer, sich in der Meinungsvielfalt und Informationsflut zu orientieren. Es kostet Anstrengung und Beharrungsvermögen, eine eigene Meinung zu vertreten und Mehrheiten zu organisieren.
Damals wie heute kommt es auf das Engagement von Einzelnen und deren Zusammenwirken an. Mut zum Denken in Alternativen und Courage beim unangepassten Handeln sind unverzichtbar. Sich politisch zu betätigen erfordert persönlichen Aufwand.
Die Gestaltung der Zukunft darf nicht zur Expertensache verkommen. Die Delegierung der Macht durch Wahlen reicht für eine lebendige Demokratie nicht aus. Das Erbe der Friedlichen Revolution muss gelebt und nicht in Sonntagsreden über Demokratie und Freiheit konserviert werden.